Kreuzbiss bei Kindern: Warum eine frühe Behandlung so wichtig ist

Manchmal fällt es beim Zähneputzen auf, manchmal erst beim Zahnarzt: Die Zähne Ihres Kindes treffen beim Zubeißen irgendwie „verkehrt“ aufeinander. Dahinter kann ein Kreuzbiss stecken. Er gehört zu den wenigen Zahnfehlstellungen, bei denen Fachleute nicht bis zum Wechsel der Zähne warten, sondern oft schon im Milchgebiss handeln. In diesem Beitrag erklären wir, was ein Kreuzbiss ist, woran Sie ihn erkennen, warum eine frühe Behandlung so wichtig ist und wie sie in unserer Praxis in Frankfurt abläuft.
Das Wichtigste in Kürze
- Beim seitlichen Kreuzbiss beißen die oberen Backenzähne innen statt außen auf die unteren – meist, weil der Oberkiefer zu schmal ist.
- Ein einseitiger Kreuzbiss kommt laut Fachliteratur bei etwa 9 bis 23 % der Kinder vor.
- Unbehandelt kann er zu einem ungleichmäßigen Kieferwachstum führen, das sich später nicht mehr allein kieferorthopädisch beheben lässt.
- Deshalb kann er schon im Milchgebiss behandelt werden – bei entsprechendem Schweregrad als Leistung der gesetzlichen Krankenkasse.
Was ist ein Kreuzbiss?
Bei einem gesunden Biss stehen die oberen Zähne beim Zubeißen etwas weiter außen und überdecken die unteren leicht – wie ein Deckel, der etwas größer ist als die Dose. Beim Kreuzbiss ist dieses Verhältnis an einer Stelle umgekehrt: Die oberen Zähne beißen innen auf die unteren. Betrachtet man die Zahnreihen von vorn, „kreuzen“ sich obere und untere Zähne – daher der Name.
Man unterscheidet zwei Formen:
- Seitlicher (lateraler) Kreuzbiss: Betroffen sind die Backenzähne – entweder auf einer Seite (einseitig) oder auf beiden Seiten (beidseitig). Das ist die häufigere Form.
- Frontaler Kreuzbiss: Betroffen sind die Schneidezähne. Einzelne oder alle unteren Frontzähne stehen beim Zubeißen vor den oberen.
Wie entsteht ein Kreuzbiss?
Die häufigste Ursache für den seitlichen Kreuzbiss ist ein zu schmaler Oberkiefer. Passt der obere Zahnbogen nicht richtig über den unteren, sucht sich der Unterkiefer eine Position, in der die Zähne trotzdem zusammenkommen – und weicht dafür zur Seite aus. Fachleute sprechen dann von einem Zwangsbiss. Laut der Deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO) tritt eine solche Abweichung des Unterkiefers bei rund 80 % der Kinder mit einseitigem Kreuzbiss auf.
Zu einem schmalen Oberkiefer können verschiedene Faktoren beitragen:
- Lutschgewohnheiten: Langes Daumenlutschen oder ein Schnuller können den Gaumen schmaler formen.
- Zungenlage und Mundatmung: In Ruhe liegt die Zunge normalerweise am Gaumen und stützt ihn von innen. Atmet ein Kind dauerhaft durch den Mund, liegt die Zunge tiefer – dieser Halt fehlt.
- Veranlagung: Auch die Form und das Wachstum der Kiefer können eine Rolle spielen.
Woran erkennen Eltern einen Kreuzbiss?
Einen Kreuzbiss sieht man nicht immer auf den ersten Blick – vor allem, wenn nur die hinteren Zähne betroffen sind. Folgende Hinweise können Sie zu Hause beobachten:
- Beim Zubeißen liegen obere Backenzähne innen statt außen.
- Die Mitte der unteren Schneidezähne steht nicht unter der Mitte der oberen.
- Das Kinn wirkt beim Zubeißen leicht zur Seite verschoben.
- Die unteren Frontzähne stehen vor den oberen (frontaler Kreuzbiss).
Ein einfacher Test: Bitten Sie Ihr Kind, ganz entspannt auf den Backenzähnen zuzubeißen und dabei zu lächeln. Schauen Sie von vorn auf die Zähne. Wirkt etwas schief oder verkehrt herum, lohnt sich eine Untersuchung. Sicher beurteilen lässt sich ein Kreuzbiss aber nur in der Praxis. Wann der richtige Zeitpunkt für den ersten Besuch beim Kieferorthopäden ist, erklären wir im Beitrag Zahnspange für Kinder: Wann anfangen?
Warum eine frühe Behandlung so wichtig ist
Die meisten kieferorthopädischen Behandlungen beginnen erst im späten Wechselgebiss, also etwa dann, wenn die letzten Milchzähne ausfallen. Der seitliche Kreuzbiss ist eine wichtige Ausnahme. Die DGKFO begründet das in ihrer Stellungnahme so:
- Ein Kreuzbiss kann das Wachstum des Oberkiefers hemmen.
- Durch das seitliche Ausweichen kann sich der Unterkiefer ungleichmäßig (asymmetrisch) entwickeln – einschließlich der Kiefergelenke.
- Studien zeigen, dass nicht behandelte einseitige Kreuzbisse bei Kindern mit einer zunehmenden Asymmetrie der Kiefergelenke verbunden waren.
- Eine solche Asymmetrie kann später – etwa wenn schon bleibende Zähne beteiligt sind – nicht mehr rein kieferorthopädisch behoben werden.
Die gute Nachricht: Studien zeigen auch, dass die Korrektur des einseitigen Kreuzbisses durch eine Verbreiterung des Oberkiefers bei Kindern die Asymmetrien beseitigt. Im Kindesalter wächst der Kiefer noch – dieses Wachstum lässt sich gezielt nutzen. Je früher behandelt wird, desto schonender ist die Korrektur meist.
So läuft die Behandlung in unserer Praxis ab
1. Untersuchung und Beratung
Beim ersten Termin schauen wir uns Zähne, Biss und Kieferstellung Ihres Kindes genau an. Wir prüfen, ob der Unterkiefer beim Zubeißen zur Seite ausweicht, und sprechen mit Ihnen über mögliche Ursachen wie Lutschgewohnheiten oder Mundatmung. Danach wissen Sie, ob und wann eine Behandlung sinnvoll ist. Was Sie beim ersten Besuch erwartet, lesen Sie auch in unserem Neupatientenservice.
2. Diagnostik und Behandlungsplan
Ist eine Behandlung angezeigt, erstellen wir Unterlagen wie Fotos und einen Abdruck oder digitalen Scan der Zähne. Auf dieser Grundlage planen wir die Behandlung und stufen den Schweregrad ein – das ist auch für die Krankenkasse wichtig.
3. Die eigentliche Behandlung
Welche Behandlung passt, hängt vom Alter, von der Ursache und von der Ausprägung ab:
- Einschleifen: In manchen Fällen lässt sich ein Zwangsbiss im Milchgebiss schon durch gezieltes Einschleifen störender Milchzahnkontakte beheben.
- Erweiterung des Oberkiefers: Reicht das nicht, wird der zu schmale Oberkiefer schonend verbreitert. Häufig geschieht das mit einer herausnehmbaren Zahnspange mit eingebauter Dehnschraube, in anderen Fällen mit einer festsitzenden Apparatur.
- Ursachen angehen: Liegt eine Lutschgewohnheit oder eine falsche Zungenlage zugrunde, gehört das Abgewöhnen bzw. Üben mit zur Behandlung – bei Bedarf in Zusammenarbeit mit Kinderarzt, HNO-Arzt oder Logopädie.
Nach den Richtlinien der gesetzlichen Krankenversicherung soll eine solche Frühbehandlung nicht vor dem 4. Lebensjahr beginnen und innerhalb von sechs Kalenderquartalen abgeschlossen sein.
4. Stabilisieren und beobachten
Ist der Kreuzbiss korrigiert, wird das Ergebnis eine Zeit lang stabilisiert. Anschließend begleiten wir die weitere Entwicklung der Zähne. Ob später – nach dem Zahnwechsel – noch eine weitere Behandlung nötig ist, hängt vom Einzelfall ab.
Tipps für Eltern während der Behandlung
- Tragezeit einhalten: Eine herausnehmbare Spange wirkt nur, wenn sie wie besprochen getragen wird. Feste Routinen – zum Beispiel „Spange rein nach dem Zähneputzen“ – helfen Kindern sehr.
- Dehnschraube nach Anleitung: Wird die Schraube zu Hause verstellt, zeigen wir Ihnen genau, wie und wie oft. Bitte halten Sie sich an diesen Plan.
- Gut putzen: Zähne und Spange täglich reinigen. Wie das am besten klappt, zeigt Ihnen unser Team.
- Loben statt drängen: Viele Kinder sind anfangs aufgeregt. Tipps dazu finden Sie in unserem Beitrag Angst vor der Zahnspange.
Zahlt die Krankenkasse?
Ja, unter bestimmten Voraussetzungen. Die Richtlinien der gesetzlichen Krankenversicherung sehen die Frühbehandlung eines seitlichen Kreuz- oder Zwangsbisses als Kassenleistung vor, wenn er in die Behandlungsbedarfsgrade K3 oder K4 eingestuft wird und sich nicht durch vorbeugende Maßnahmen wie Einschleifen korrigieren lässt. Auch ein frontaler Kreuzbiss kann bei entsprechendem Schweregrad früh behandelt werden. Welche Einstufung bei Ihrem Kind vorliegt, besprechen wir nach der Untersuchung mit Ihnen.
Ihnen ist bei Ihrem Kind etwas aufgefallen? Wir schauen es uns gern an – in unserer Fachpraxis im Frankfurter Ostend. Vereinbaren Sie jetzt online einen Termin oder rufen Sie uns an unter 069 20737520.
Häufige Fragen zum Kreuzbiss bei Kindern
Wächst sich ein Kreuzbiss von allein aus?
Darauf sollte man sich nicht verlassen. Nach der Stellungnahme der DGKFO kann ein seitlicher Kreuzbiss zu einem ungleichmäßigen Kieferwachstum führen, das sich später nicht mehr allein kieferorthopädisch beheben lässt. Lassen Sie ihn deshalb frühzeitig untersuchen.
Ab welchem Alter kann ein Kreuzbiss behandelt werden?
Eine Frühbehandlung ist schon im Milchgebiss möglich. Nach den Richtlinien der gesetzlichen Krankenversicherung soll sie nicht vor dem 4. Lebensjahr beginnen.
Wie lange dauert eine Frühbehandlung?
Nach den Richtlinien soll eine Frühbehandlung innerhalb von sechs Kalenderquartalen abgeschlossen sein. Die genaue Dauer hängt vom Einzelfall ab.
Tut die Behandlung weh?
Die Behandlung ist in der Regel nicht schmerzhaft. Wenn eine Spange neu eingesetzt oder nachgestellt wird, kann für einige Tage ein Druckgefühl entstehen, das schnell nachlässt.
Zahlt die Krankenkasse die Behandlung eines Kreuzbisses?
Ja, wenn der Kreuzbiss in einen bestimmten Schweregrad eingestuft wird (beim seitlichen Kreuzbiss K3 oder K4) und sich nicht durch einfache Maßnahmen wie Einschleifen korrigieren lässt.
Quellen: Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO), Stellungnahme „Kreuzbissbehandlung im Milchgebiss“; Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses für die kieferorthopädische Behandlung.
Über den Autor: Dr. Felix Bergschneider ist Fachzahnarzt für Kieferorthopädie und führt seine Praxis in Frankfurt am Main.